THE THINGS I TELL YOU WILL NOT BE WRONG

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19.12. 2014 19.00 Uhr bis 31.01.2015  Ricus Aschemann Galerie für Fotografie, Calenbergerstrasse 12, Hannover

Porträts vom Menschen
Zum Werk von Ricus Aschemann

Von Michael Stoeber

Die Fotoserie “Transit“ (2012/13) von Ricus Aschemann wirkt äußerst malerisch. Als habe der Künstler sich eine Welt ausgedacht, die nur noch aus Farben besteht. Eine Welt, in der sich alle Dinge aufgelöst haben, um in einen amorphen Zustand vor jeder Formung und Festlegung zurückzukehren. Wir denken dabei an die Entstehung der Welt, wie sie in der Bibel geschildert wird. Aber während dort die Welt wüst und leer war, bevor Gott sich anschickte, Himmel und Erde zu schaffen, ist die farbige Welt in den Bildern von Ricus Aschemann zwar undefiniert, aber durchaus organisiert. Die luftigen Farbschwaden seiner Bilder bewegen sich alle in der Horizontalen, als habe ein Maler abstrakte Landschaftsbilder schaffen wollen, was von der Genese dieser Fotografien gar nicht so weit entfernt ist.

Ricus Aschemann hat seine beeindruckenden Aufnahmen aus einem fahrenden Auto heraus gemacht. Was er dabei fotografiert hat sind Lastwagen, die auf der Autobahn unterwegs waren, worauf auch die einzelnen Titel seiner Bilder verweisen. Mal fahren sie langsamer, mal schneller als das Auto, aus dem heraus der Künstler fotografiert. Immer aber verwendet dieser bei seinen Aufnahmen lange Belichtungszeiten, bei denen sich bewegte Objekte unscharf abbilden. Da er selbst auch in Bewegung ist, potenziert sich diese Unschärfe noch und ergreift auch die Straße unter ihm und den Himmel über ihm. Alle Gegenständlichkeit löst sich auf in diesen Bildern in immer neue Farbräume, in die man zurückkehrt wie in die Geborgenheit eines vorgeburtlichen Seins.

Vielleicht deutet der Titel der Fotoserie darauf hin. Jenseits seiner prosaischen hat er ja durchaus auch eine poetische Bedeutung. Mit ihr reist man aus dem Hier und Jetzt direkt in den Himmel. Wie in einer begehbaren Fotoinstallation von Ricus Aschemann aus dem Jahre 2012. Für „Heaven“ hat er Aufnahmen mit ganz gegenständlichen Motiven verwandt. Er hat sein Objektiv auf wechselnde Himmel gerichtet, etwa auf ein strahlendes Blau, das schon immer als bildlicher Ausdruck eines unendlichen Sehnens verstanden wurde. Sowie auf einen Himmel, der uns mit weißen Schönwetterwolken zur Promenade verführt oder auf das dramatische Panorama dunkler Sturmwolken, vor denen wir uns Schutz suchend wegducken.

Führt uns Aschemanns Werkserie „Transit“ in die malerische Abstraktion, so „Heaven“ in die fotografische Gegenständlichkeit. Beide Bildreihen operieren in suggestiver Weise mit einem bildnerischen Mehrwert, der die reine Referenz hinter sich lässt. Bei „Transit“ liegt das unmittelbar auf der Hand. Bei “Heaven“ schafft das konzeptuelle Dispositiv der Installation diesen Mehrwert. In dichter Abfolge besetzen die formatidentischen Fotografien des Künstlers Wände und Decke des Ausstellungsraumes in einem All over, das keinen Quadratzentimeter unbedeckt lässt. Treten wir in die Ausstellung ein, werden wir von den Bildern wie von einem Kokon umgeben. Er suggeriert, dass wir im Himmel sind.

Nicht weniger konzeptuell verfährt der Künstler bei seinen Fotografien von „Country Sports 2“ (2013), in der er uns eine Reihe von Hochsitzen zeigt. Ihr Aufnahmemodus erinnert an die Art, wie die Bechers Industriemonumente des 19ten Jahrhunderts fotografiert haben. Wie sie nimmt Aschemann seine Motive frontal auf bei leicht bedecktem, völlig undramatischem Himmel. Unter Bedingungen also, die es erlauben, den Bildgegenstand in neutraler Manier optimal sichtbar zu machen. Als wolle er ihn für eine visuelle Sektion freigeben. Kein Hochsitz sieht aus wie der andere. Aber alle sind sie Provisorien, in ihrem Bau auf das Nötigste reduziert, um ihren Zweck zu erfüllen, den Jäger aufzunehmen. Und alle wirken in unterschiedlicher Weise skurril wie Porträts vom Menschen. In dieser Eigenschaft einer Darstellung der conditio humana verbinden sie sich perfekt mit den anderen Bildserien von Ricus Aschemann.

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