Anja Teske_Zuckerpuppe_18.10.14 – 29.11.14

 

Fotografien geschossen und Texte gesammelt von Anja Teske

zuckerpuppe

Wir waren immer mindestens zu viert. Juwelia und Stefan, meine Kamera und ich. Als wir uns kennenlernen, treffe ich eine Frau mit großem Haar und prunkvollem Dekolleté auf dem Fahrrad, vor einem Blumenladen in der Oranienstraße in Kreuzberg. Ein Freund von uns beiden hatte die Idee: „Ihr passt zusammen!“ Zwei Fantasten, die sich gegenseitig befruchten. Bei unserem zweiten Treffen lerne ich Stefan kennen. Sein anderes Ich, zu Hause beim Frühstück am Blumentisch. Es gab zu jedem der vielen Frühstücke, die folgten, ein gekochtes Ei mit Senf. Meine Kamera lag immer neben dem Toaster.

Herzliche Einladung zur Eröffnung der Ausstellung am 18.10.2014 um 19.30 Uhr.  Mathias Max Herrmann ( Schauspiel Hannover ) liest Auszüge und Zitate aus dem Buch “ Zuckerpuppe“ von Anja Teske.

 

Öffnungszeiten: Freitags und Samstags von 12.00 -17.00 Uhr und nach Vereinbarung

 

Interview mit Stefan/Juwelia von Anja Teske

“Nimm doch die Rose mit ins Bild!”

“Es verdreht sich alles, wie im Spiegel. Es hat auch mit Glanz zu tun.

Mein Vater und meine Schwester haben immer gesagt, ich müsste immer

alles anders machen als andere.”

 Wie empfindest Du es, fotografiert zu werden?

“Exhibitionistisch. Tolles Gefühl. Es bräuchte gar kein Film drin liegen, nur Klick machen, ah- toll.

Manches ist mir zu intim, aber ich lasse mich immer wieder ein. Der Übergang von Mann zu Frau,

das möchte ich nicht zeigen. Es ist wie Toilette machen.

Wenn die Bilder mir gefallen, lasse ich mich immer wieder ein.”

 Wie fühlst Du Dich wohler, als Mann oder als Frau?

“Manchmal so, manchmal so. Ach, jetzt wäre ich gerne Frau oder Mann oder was man auch

gerade ist. Eigentlich bin ich ein einsamer Mensch, und als Frau bekomme ich mehr Kontakte.

Ich lerne 3-4 Leute im Jahr intensiver kennen, aber ansonsten bin ich allein, bin gern zu Hause

und faul, aber gerne. Lothar ist auch für sich, wir haben uns daran gewöhnt. Am Ende ist eh jeder

für sich allein. Ich bin gerne mit anderen, es kommt aber darauf an, mit wem.

Wenn ich mich “bekleide”, ist es wie eine Kur. Der Körper wird ausgespült, etwas hat sich

entwickelt, wie ein Durst. Es ist auch albern, aber mit der Perücke wächst eine Show.

Letztendlich bin ich natürlich genauso als Mann. Ich bin geschlechtslos, wie David Bowie .

Das Gefühl von Mann zu Frau ist gleich. Aber als Frau gibt es mehr Feedback. Ich bin wild auf

das Gefühl, beachtet zu werden. Ich spüre das Leben und lerne so 100-Mal mehr Leute kennen,

als als Mann. Ein leichteres Leben mit Schönheitsfarmen, Krankengymnastik und Gesundbrunnen.

Ich will beachtet werden, denn als Mann zum Beispiel guckt ja heute keiner mehr. Ich brauche es,

es gibt Energie. In Berlin als Frau – ist es Quatsch? Es ist easy living. Vitaminreich.

Andere haben ein Motorrad oder eine Angelausrüstung als Hobby und

ich habe Perücken und Kleider. Natürlich bin ich transsexuell.”

 Was ist für Dich schön?

“Pastellfarben sind schön. Manchmal kann das Leben schön sein, schöne Gefühle

sind schön, helle Farben, Weiß und Pastell, und Blümchen sind schön.”

 Hast Du Vorbilder – andere Personen oder Bilder?

“Früher wollte ich sein wie Quentin Crisp oder Devine und Andy Warhol.”

 Und Bilder?

“Zeitschriften sind anregend und tolle Fotos. Früher, mit 19, habe ich “Schöner Wohnen” gelesen.

Heute interessiert mich das nicht mehr. Früher habe ich es jeden Monat gekauft. Es ist aber immer

dasselbe.”

 Was bedeutet für Dich Kreativität?

“Es entsteht aus dem Gefühl, es ist etwas beruhigendes, es entlastet. Das Leben ist einfacher.

Ich habe das in mir. Ich muss immer etwas machen. Ich bin nähsüchtig, male und fühle mich gut.

Kunst ist, um sich wohl zu fühlen, etwas entstehen lassen, den Weltschmerz vergessen. Jeder hat

seinen Stil. Ich mag second hand und schöne Muster. Manche Stile sind ausgeprägter. Travestie

hat ja viel mit Glamour zu tun. Vielleicht sollte ich einen Modefotografen haben. Hm. Glamour

ist zwar schön, ich muss es aber nicht immer haben. Es muss aber immer überladen sein und

schillernd. Ich muss immer noch manipulieren, alles abändern, anders machen. Auch wenn ich

Mann bin, muss ich Frau sein, und wenn ich Frau bin, muss ich Mann sein, ich muss

es spiegelverkehrt machen. Wie ein Spiegel.

Irgendwie ist es Harmonie, es versetzt mir einen Kick. Früher musste ich 2 Liter Wasser trinken,

wenn ich mich zurecht gemacht habe. Wasser spült alles wieder raus, ruck zuck, alles verändert

sich. Der Körper wird ausgespült. Es ist eine Kur, sich zurecht zu machen. Früher war ich

durcheinander. Heute nicht mehr. Es hat sich schrittweise entwickelt.

Wie Durst.

Aber eigentlich bin ich immer gleich.”

 

Gefördert von:

LOGO-Stiftung Horizonte

 

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