L.A.bites – Janko Woltersmann

Janko Woltersmann. L.A.bites. Atelier.Galerie für Fotografie vom 31.08.2012 bis zum 05.10.2012

„Come to your happy place“. Das übergroße Versprechen auf einem Billboard. Die üppige Silhouette einer parkenden Limousine. Ein Jugendlicher übt waghalsigen Tricks mit seinem Bike. Sich als Europäer am Amerikanischen in Amerika berauschen. Die Bilder sind bereits in unserem Kopf, sie müssen nicht mehr gefunden, lediglich bestätigt werden. Unseren Eggleston, Shore und Meyerowitz haben wir genauestens studiert. Kaum eine Stadt bietet sich für einen Bildproduzenten dabei besser an als jene, die ein einziges Glücksversprechen bildet (und den Verrat an diesem gleich mitliefert). Jede Klischeefalle öffnet sich, jede Erwartung wird übererfüllt. L.A. ist die Stadt, die „uns verlässlich hilft, unsere Gegenwart schön zu finden und sei sie noch so dreckig“ wie Felix Stephan in der SZ einmal treffend schrieb. Sie bietet stets die richtige Perspektive, den perfekten Blickwinkel, in ihrer Schönheit und gleichzeitigen Verlogenheit.

Janko Woltersmann ist ein häufiger Besucher der kalifornischen Megastadt. Das Mäandernde, das Abschweifende, das Sogartige, das den Neuankömmling erfasst und verwirrt, den Rausch des ersten Erlebens, all das hat er längst abgelegt. Meist ist er mit seiner favorisierten Polaroid-Kamera unterwegs, um Bilder zu produzieren, denen ein klares Konzept zugrunde liegt und die in ein größeres Kunstprojekt eingebettet sind. Für L.A.bites befreit er sich vom starren Korsett. Er tauscht die Polaroid- gegen die digitale Kleinbildkamera und ist in der Weitläufigkeit der horizontal cityzu Fuß unterwegs. So taucht er in das Alltagsleben ein und bietet Spots, episodische Momente, die sich von der schillernden Matrix der Stadt abschälen. Für den Betrachter ist das Misstrauen des Fotografen gegenüber einer hyperfiktionalisierten Bildwelt in dieser lakonischen Serie nahezu greifbar. Wenn der anekdotische Mantel, in den seine Farbbilder gehüllt sind, ein wenig verrutscht, entsteht Irritation. Warum kehren uns die meisten Akteure den Rücken? Selbst, wenn jemand direkt das Gesicht zuwendet, blickt er uns nicht an.

Immer wieder ergeben sich so kleine Widerhaken für den Betrachter; die Inhalte bieten ein gehöriges Maß an Subversion auf. Eine Strategie, die der Fotograf anwendet, um seine Skepsis gegen klischierte Ansichten auszudrücken und seine eigene Rolle als Bildproduzent zu befragen. Das Fernrohr einer Aussichtsplattform lädt dazu ein, die ferne Stadtsilhouette zu erfassen. Woltersmann zeigt natürlich lieber den Apparat, als mit der Kamera ausschließlich die großräumige Perspektive festzuhalten und damit die Sehnsucht nach dem Erhabenen zu befriedigen. Für eine Münze gibt’s den zeitlimitierten Blick auf einen „happyplace“. Doch der Apparat bleibt unbenutzt.

(Peter Lindhorst, 16.08.2012)

Lebenslauf
1967 in Hannover geboren
1986 – 1988 Photographenlehre in Hannover
1989 – 1992 freie Arbeiten/Assistenz/Zivildienst
1993 – 1995 Arbeit in einer Studiogemeinschaft
1996 Assistenz
1997 – 2012 Arbeit als freier Photograph/Mitglied bei Attenzione Photographers
Ausstellungen
1997 „double rooms“ mit Christian Brindoepke, Casino Hannover
1998 „Mit 17…Jugendliche in Hannover“ Ausstellungsbeteiligung im Historischen Museum in Hannover
2000 „buy now pay later“ Deutsch-Dänische Galerie, Berlin
2001 „buy now pay later“ club 8, Hamburg
2006 „Permesso“ Eisfabrik, Hannover
2008 „lost in junction“ Spandau, Hannover
2009 introducing „The La Brea Matrix“ Kaune und Sudendorf Gallery, Köln
2010 „instant places“ Nord/LB art gallery, Hannover
2011 „La Brea Photobookstudy“ Sprengel Museum, Hannover
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