Adam Heiss und Martene Rourke – urban wilderness

KARTE_AUSSTELLUNG_HINTEN.ai

Städtische Natur
Überlegungen zu Urban Wilderness und Network Traces von Martene Rourke und Adam Heiss Von Maik Schlüter

Stadtraum und Naturraum
Urban Wilderness benennt eine scheinbar eindeutige Relation: Die Stadt als organisierter und funktionalisierter Raum grenzt sich deutlich ab vom organischen Naturraum. Eine tiefer gehende Analyse der Begriffe macht klar, dass diese Trennung ungenau ist. Moderne Städte sind alles andere als vollständig kontrolliert: ihre Struktur und Organisation ist in vielen Fällen offen, unübersichtlich und dynamisch. Weite Teile von Großstädten weisen eine zerfallene Infrastruktur auf, wuchern an den Rändern und separieren den sozialen Raum. Innenstädte, die dem Konsum vorbehalten sind und in denen Obdachlosigkeit und Betteln verboten sind, spiegeln sich in luxuriösen Wohngebieten in Stadtnähe oder exklusiven Gated Coummunities. Wohngebiete der Mittelschicht oder Hochhaussiedlungen in Randlage stehen dazu in einem deutlichen Kontrast. Architektur und Infrastruktur als Ausdruck eines organisierten Stadtraums, der harmonisch Funktion und Zonung einzelner Bereiche aufeinander abstimmt, bedeutet auf dem Zeichenbrett meist etwas anderes als in der urbanen Wirklichkeit. Naturraum ist alles andere als chaotisch oder zufällig strukturiert. Biotope, gleich welcher Art, sind ausgeklügelte Systeme, die sensibel aufeinander abgestimmt sind. Dennoch verdrängt und zerstört der Mensch diese Lebensräume und besetzt Territorien mit Artefakten. Die Stadt ist ein historisch gewachsener Artefakt, der viele soziale, politische, ökonomische oder ökologische Aspekte aufweist.
Räume werden definiert, nutzbar gemacht, aufgeteilt, vergeben und bewertet. Freier Raum wird zu besetztem Raum und Besetzung zu Besitz. Die Erschließung und Kolonialisierung von Raum ist immer Ausdruck von Machtverhältnissen. Die Organisation von städtischem Leben folgt einem Reglement. Ausfälle und Ausnahmen werden geahndet. Das Spektrum der Verbote reicht von Betteln, über das Benutzen von Skateboards bis hin zum einfachen Verweilen auf nicht dafür vorgesehenen Flächen und umfasst von der Ermahnung, dem Bußgeld, dem Platzverweis bis hin zur Verhaftung alle Formen der Repression. Daher werden Orte geschaffen, an denen das Reglement aufgeweicht, aber nicht gänzlich aufgehoben wird: Spielplätze, Skateparks, Bänke und Grünanlagen, aber auch Container vor Bahnhöfen, wo Obdachlose oder Junkies versorgt und fokussiert werden, bieten Erholung oder Versorgung in engen Grenzen.

Zentren und Randgebiete
Randgebiete sind häufig Orte der Gewalt: sozial wie physisch. Denn die städtischen Ränder sind Orte der Abschiebung und der Verdrängung von allem, was den repräsentativen Zentren nicht entspricht. Aber auch innerhalb der Stadt gibt es Orte, die offen und ungenutzt sind, deren Funktion unklar ist, die brach liegen und die noch keinem Konzept angepasst wurden oder deren Konzeption sich aufgelöst hat. Hier greifen Natur- und Stadtraum ineinander, verschränken und vermischen sich. Orte wie diese können entlastend wirken, da sie feste Strukturen, Abläufe und Hierarchien in Frage stellen oder vergessen machen. Sie können aber auch Ängste wecken, denn es sind Orte ohne Kontrolle und Überwachung. Inmitten von großen Städten wachsen Flächen einfach zu, überwuchern, bleiben sich selbst überlassen und stellen die Raumordnung in Frage. Man findet hier Spuren von illegalen Behausungen, Tacs und Sprayings, Reste von Partys oder einfach nur Müll. Urban Wilderness zeigt Orte einer selbstständigen Neuordnung, bestehend aus natürlichen und künstlichen Elementen. Die Relation ist kompliziert und anziehend. Kehrt die Natur zurück? Und lässt sich die Forderung „Zurück zur Natur“ einem naiven ökologischen Glauben folgend aufrecht erhalten? Denn wo wäre dieser Ort? Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Megacities und der wachsenden Bevölkerungszahlen. Zurück zur Natur kann also nur heißen, zurück zu uns selbst, zurück in Räume, die wir neu definieren, jenseits zerstörerischer Tendenzen und Tatsachen.
Infrastruktur
Stadt bietet Infrastruktur und diese erstreckt sich über die urbanen Zentren hinaus, verbindet Städte, Regionen, Reviere oder Landesteile (Network Traces). Die Erfindung der Eisenbahn zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts bringt u. a. zwei wesentliche Veränderungen, die den Aufbau moderner Gesellschaften nach kapitalistischem Vorbild beeinflussten: Der Raum wird neu vermessen und erschlossen, und die Geschwindigkeit und der Rahmen der Reise ändern sich fundamental. Die Distanzen, die überwunden werden, vergrößern sich bei gleichzeitig geringerem Zeitaufwand. Diese Verdichtung und Optimierung vollzieht sich auch auf produktiver Seite. Die englischen Industriegebiete z. B. steigern zu Beginn des 19. Jahrhunderts massiv ihre Förderrate von Kohle durch den Einsatz von Eisenbahnen und anderen technischen Innovationen. Industrialisierung bedeutet u. a. Beschleunigung, Verdichtung und Erhöhung der Produktion und eine Neuordnung der gesellschaftlichen Struktur. Die stillgelegten Bahngleise (Network Traces) verweisen auf eine Verlagerung der Produktionsorte im 20. und 21. Jahrhundert. Die alten Industrieanlagen zeugen von einem lokalen Verfall bestimmter Industrien und einer infrastrukturellen Neuordnung.

So, wie z. B. in Detroit/USA die Industriearchitektur verfällt, die Infrastruktur sich parallel dazu auflöst und allgemeine Armut den sozialen Konsens sprengt, so zeugen auch die Spuren aus Manchester und anderen britischen Städten von Verfall und Umschichtung. Wo die Infrastruktur zerfällt, gibt es kein sozio-ökonomisches Interesse mehr. Zurück bleiben die, die weder Arbeit noch Mobilität besitzen. Und statt einer funktionierenden urbanen, sozialen, produktiven und nachhaltigen Gesellschaft finden die Suchenden lediglich die Überwucherungen einer autonomen, gleichgültigen und städtischen Natur.
© Maik Schlüter, 2012

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: